In der schulischen Biologie wird Vererbung meist als die Weitergabe genetischer Informationen von Eltern an ihre Nachkommen beschrieben. Diese Informationen seien in den Genen auf der DNA gespeichert und bestimmten die Ausprägung körperlicher Merkmale wie Augenfarbe, Körpergröße oder bestimmte physiologische Eigenschaften. Durch die Übertragung der Gene bei der Fortpflanzung ähneln Nachkommen ihren Eltern in vielen Merkmalen.
Diese Darstellung ist didaktisch wirksam, greift biologisch jedoch zu kurz. Gene kodieren keine Merkmale und keine organismische Organisation, sondern ausschließlich die Sequenz von RNA-Molekülen und Proteinen. Diese Moleküle werden in einer bereits bestehenden Zelle synthetisiert und entfalten ihre Wirkung nur innerhalb einer komplexen zellulären Organisation. Ohne diese Organisation besitzen DNA-Sequenzen keinerlei biologische Funktion oder Bedeutung.
Der Begriff „Erbinformation“ suggeriert in diesem Zusammenhang, Gene enthielten Anweisungen oder Baupläne, aus denen sich der Organismus ableiten ließe. Ein solcher Informationsbegriff ist jedoch metaphorisch. Information im strengen Sinne setzt einen interpretierenden Kontext voraus; Gene tragen keine eigenständige Bedeutung, sondern werden erst im Zusammenspiel molekularer, zellulärer und entwicklungsbiologischer Prozesse wirksam. Was als genetische Information bezeichnet wird, sind vererbbare Unterschiede in Sequenzen, deren Effekte sich ausschließlich im Verlauf der Ontogenese realisieren.
In mehrzelligen Organismen kommt hinzu, dass körperliche Merkmale nicht auf der Ebene einzelner Zellen oder Gene entstehen. Im Verlauf der Entwicklung differenzieren sich Zellen durch regulatorische und epigenetische Prozesse zu verschiedenen Zelltypen. Die körperlichen Merkmale eines Organismus entstehen aus dem koordinierten Zusammenspiel dieser differenzierten Zelltypen, ihrer räumlichen Anordnung, ihrer Wechselwirkungen und ihrer zeitlichen Dynamik. Organe, Gewebe und physiologische Eigenschaften sind daher keine direkten Produkte von Genen, sondern Ergebnisse organisierter Zellkollektive.
Die biologische Vererbung reicht folglich nicht bis zu den organismischen Merkmalen selbst. Vererbt werden die Voraussetzungen für die Ausbildung bestimmter Zelltypen und Entwicklungsprozesse, nicht jedoch die Merkmale, die sich erst aus deren Zusammenspiel ergeben. Gene wirken dabei als eingebettete Komponenten eines bereits bestehenden Entwicklungs- und Reproduktionssystems. Vererbung ist somit kein Informationsaustausch über Merkmale, sondern Teil der Reproduktion entwicklungsfähiger Organisationen, aus denen körperliche Merkmale hervorgehen.
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