Zur Sekundarität des Begriffs „Erbinformation“
Was das Genom zunächst bereitstellt, sind keine Informationen über zukünftige Organismen oder Nachkommen, sondern Sequenzinformationen über RNA- und Proteinmoleküle, die für die gegenwärtige Existenz einer Zelle unverzichtbar sind. Diese Sequenzen werden fortlaufend genutzt, um die molekularen Komponenten zu synthetisieren, durch die die Zelle ihre Stoffwechselprozesse, ihre Struktur und ihre Reproduktionsfähigkeit aufrechterhält. In diesem Sinn haben Gene eine unmittelbare Funktion im Hier und Jetzt der Zelle.
Erst als Folge der zellulären Selbstreproduktion werden genomische Sequenzen an nachfolgende Zellen und Generationen weitergegeben. Die Vererbung ist damit kein ursprünglicher Zweck der Gene, sondern ein abgeleitetes Resultat der Reproduktionsdynamik lebender Systeme. Gene sind primär funktionale Bestandteile gegenwärtiger Zellen; dass sie dabei reproduziert und weitergegeben werden, ist eine Konsequenz dieser Funktion, nicht ihr Ziel.
Der Begriff „Erbinformation“ kehrt dieses Verhältnis um. Er beschreibt Gene von vornherein aus der Perspektive der Vererbung und verdeckt dadurch ihre eigentliche biologische Rolle. Als Sequenzinformationen sind Gene für die Organisation und Aufrechterhaltung zellulärer Prozesse relevant; als „Erbinformation“ erscheinen sie erst in einer sekundären, generationsbezogenen Betrachtung. Der Informationsbegriff ist hier daher nicht falsch, aber fehlplatziert: Er beschreibt eine abgeleitete Beobachtung, nicht die primäre Funktionsweise der Gene.
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